Nachdenken über Kunst
Kunst ist Entwicklung. Erkennen wir auch die Handschrift eines Künstlers, einer Künstlerin – seinen Pinselstrich, ihre Farbpalette – so verändert sich doch laufend alles, wandeln sich Farben und Formen.
Kunst heisst vorwärts gehen, verirren, verzweifeln und dennoch weitermachen. Kunst ist ein Weg, auf dem man voranschreitet und manchmal verweilt. Der Weg ist das Ziel. Wie viele Entscheide stecken in einem Bild, wie viele Fragen stellen sich Schicht um Schicht und verlangen nach einer Antwort? Kunst ist Suchen. Suchen in sich, in der Welt. Denn Kunst ist nicht nur ein individuelles Unterfangen. Mag der Akt des Malens, des Schöpfens auch ein einsamer sein, so ist Kunst doch Ausdruck. Mehr als Monolog, Kunst ist Dialog. Zusätzlich zum Zwiegespräch zwischen Künstler und Material – Farben und Leinwänden – ist Kunst auch Gespräch zwischen Künstlerin und Betrachter. Die Schauenden sind angesprochen, halten inne, sind gefesselt und gebannt, verharren und betrachten. Kunst ist mitteilen, Kunst ist teilen, teilen mit den andern. Kunst will fliessen, will strömen - durch die Bilder, durch die Seelen.
Kunst ist Spüren. Kunst ist Hören und Fühlen mit allen Sinnen. Hören in die Welt hinaus und in sich selbst hinein. Zuhören, seinen eigenen Erinnerungen, der Musik seiner Empfindungen und dem Plappern seiner inneren Begleiter. Kunst ist Ertasten. Immer wieder innehalten, um ins entstehende Bild hineinzufühlen und wahrzunehmen was auf der Leinwand passiert. Kunst ist Schauen. Schauen, was in der Welt geschieht, aufspüren, was uns bewegt, empfinden, was uns umgibt. Denn Kunst ist Erkennen, ist mehr als schauen, ist sehen, ist wiedererkennen, ist kennen: Strukturen, Muster, Schönes, Schreckliches.
Kunst ist Arbeit im realen, physischen Sinn. Denn Kunst ist Können. Um Gesehenes und Erkanntes in Kunst umzusetzen, braucht es Geschick; Kenntnisse von Techniken, Wissen über Material, Fertigkeit im Malen. Nur wer die Tonleiter beherrscht, kann Arien singen. So verhält es sich auch in der Malerei. Techniken, Materialmix, Strukturen und Farbkombinationen erproben, weiterentwickelen und ausprobieren. Farben entwerfen, verwerfen und wieder neu mischen. Im Verlauf der Jahre wächst das Können, wird breiter, tiefer. Vertrauen baut sich auf, dass sich im Schöpfungsprozess der magische Moment einstellen wird, wo das Bild sich aus der Leinwand herausschält und an die Oberfläche strebt.
Kunst ist Herausforderung. Sich nie zufriedengeben, sondern den schöpferischen Prozess immer weiterentwickeln. Dazu braucht es Zuversicht, aber auch Mut. Mut, sein Innerstes zu zeigen. Mut, Fehler zu machen. Mut, mutlos zu werden und doch nicht aufzugeben. Kunst ist Mut. Mut sich selber zu begegnen, Mut zu versagen, Mut sich einzulassen und loszulassen. Den Mut, immer wieder von Neuem glücklich zu werden und glücklich zu machen.